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Wohnen auf einer Grundfläche von fünf mal neun Metern

Eine Familie mit vier Personen wohnt in einem Glashaus mit maximal 82 Quadratmetern Wohnfläche, die sich aus einer Grundfläche von 45 Quadratmetern ergibt.

Was tun mit einer Parzelle, die keiner kaufen will, da eine Bebauung unmöglich erscheint? Keine Frage, der Architekt kauft sie selbst – und da er sie später wieder verkaufen möchte, entwickelt er Problemlösungen! Genau so ist es geschehen: Der Architekt Boris Egli von L3P Architekten kaufte die Parzelle in der sehr ländlichen 6000-Seelen-Gemeinde Dielsdorf in der Schweiz. Die Gemeinde ist durch einen eher konservativen Baustil geprägt. Der Bauplatz liegt in Sichtweite von intakten Rebhängen, die Nachbargrundstücke sind alle in landwirtschaftlicher Nutzung, sodass keine Bebauung droht. So ist die Parzelle ein kleines Idyll, das richtig bebaut ein ideales Lebensumfeld bietet.

Es galt, architektonische Bebauungs­lösungen zu finden, die der jungen vierköpfigen Familie ausreichend Platz bieten, um reduziert, aber ohne Einschränkung des Komforts zu leben.

Mehrere Jahre lag der Bauplatz unberührt brach. Einerseits hatten die Architekten keine Zeit, um Lösungen zu entwerfen, andererseits war kein richtiger Interessent in Sicht, um das gesamte Vorhaben zu forcieren. Zunächst meldete sich ein Bauherr, der wieder absprang. Der nächste bekundete Interesse, konnte sich jedoch über mehrere Jahre nicht so richtig entscheiden. Bis ein fest entschlossener Interessent innerhalb eines Tages zustimmte und das Objekt realisierte. Ein klassisches Wohnhaus mit standardisiert gedämmten Außenwänden, Erschließungstreppe, Fenster, Dach und Verkehrsflächen konnte auf der Parzelle nicht errichtet werden. Die Architekten mussten Neuland betreten, so entstand ein skulpturales Stahlbetontragwerk aus Sichtbeton. Wobei dies wörtlich zu nehmen war: In dem radikal auf Elementares reduzierten Wohnhaus verkörpert der nackte Betonrohbau alle wichtigen Bauelemente: Wände, Decken, Böden, ja, selbst das Bücherregal aus Beton ist Teil der Statik. Bodenbeläge, Gips- und Malerarbeiten oder auch eine Tritt­schall­dämmung, die die Tragstruktur bedecken könnten, kommen nicht vor.

Der Zutritt zum Anwesen und zu dem fast fünf Meter fünfzig hohen Eingangsbereich des Hauses erfolgt über die unterirdische Garage. Neben der Garage sind ein Keller, der Raum mit der Haustechnik und ein Doppelzimmer mit Bad tief in den Hang eingebracht worden, das Doppelzimmer findet als Kinderzimmer Benutzung. Diese Räume werden durch teilweise hohe Raumteile und ein Oberlicht mit Tageslicht versorgt. Das Doppelzimmer musste mit speziellen statischen Baumaßnahmen abgesichert werden. So wurde der Bereich mit einer Mittelwand gegliedert und unter der Bodenplatte mit einem Riegel verbunden, sie bildet wie ein Anker das statische Widerlager der Hauptmittelwand. Die Treppe emporsteigend erreicht man das Beton-Bücherregal, welches der Querversteifung des Tragwerks dient. Von nun an beginnt mittels einzelner Podeste und Stufen eine fortlaufende Abfolge verschiedener Wohnlandschaften, die insgesamt eine Wohnfläche von 82 Quadratmetern bilden. Dies kann nicht gerade als großzügig bezeichnet werden. In den Fenstern sind keine statischen Abstützungen versteckt, die Fenster sind dem Tragwerk vorge­hängt wie Trauben, die am Stiel hängen. Die Podeste mit den Deckenabsätzen wachsen aus­kragend aus der alleinig tragenden Mittelwand wie ein Stamm mit Ästen daran. Das Untergeschoss ist das Fundament im Erdreich ähnlich der Verwurzelung des Rebstocks.

Ein so komplexes Werk kann nur gelingen, wenn Architekten und Bauingenieure eng zusammenarbeiten, denn die Arbeiten müssen minutiös miteinander verflochten und abgestimmt sein, um konstruktive, machbare Lösungen zu erarbeiten. Das Stahlbetontragwerk ist allein tragend und bildet auch den Raum, aus dem sich die Wohnfläche zusammensetzt. Es nimmt auch noch die gesamte Haustechnik auf. Das Beton-Bücherregal dient nicht nur seinem Zweck, Bücher zu verwahren, sondern auch der Querversteifung des Tragwerks. Dieses Element ist nicht primär aus einem Bedürfnis nach einem Bücherregal entstanden, sondern als Lösung eines statischen Problems, weil die Mittelwand sonst als Querversteifung nicht ausgereicht hätte. Es wurde aber nicht einfach die Wand zu Lasten des Raumes verstärkt, sondern das Problem mit einer sinnvollen Nutzung verbunden, die in die Architektur überging. Das Untergeschoss mit dem jetzigen Doppelkinderzimmer mit Bad hatte am Anfang noch keinen rucksackartigen Unterbau in das Erdreich. Es war lediglich ein kleiner Keller, bündig mit der darüberliegenden Fensterfassade. Der Bauingenieur brauchte aber eine statische Verbindung zu der Außenwand, daraus entstand die Idee eines Doppelzimmers, das durch eine Mittelwand gegliedert ist.

Am Anfang war ein Hartbetonboden im Verbund mit dem Tragwerk geplant, dies hätte aber zu viel Gewicht auf die Decken gebracht. Eine Stütze wäre die gängige Lösung gewesen. Stattdessen entstand die Idee, den Hartbeton wegzulassen, um Gewicht zu sparen. Durch das statische Problem wurde das Konzept der Architektur letztlich umso klarer herausgearbeitet. Dem Stahlbeton mischte man fünf Prozent schwarze Farbe hinzu, um die skulpturale Bauform zu unterstreichen und eine Spiegelung nach innen zu vermeiden, wie es bei weißem Beton der Fall gewesen wäre. Glas als weiterer wesentlicher Baustoff prägt das Erscheinungsbild des Hauses. Die großen Glaselemente fangen zudem die Weite der Landschaft rund um das Haus ein und verbinden den Innen- mit dem Außenraum zu einem einzigen Bild, was der Enge der Räume eine optische Tiefe verleiht. Als Sonnenschutz und gegen die Überhitzung dienen außenliegende senkrechte Stoff-Stores. Sie wurden, bis auf die Seilführung in der Fensterkonstruktion, verdeckt eingebaut. Dort, wo dies nicht möglich war, kamen Vorhänge zum Einsatz, die an jenen den Fenstern zugewandten Seiten aluminiumbeschichtet sind. Im Sommer reflektiert das Aluminium die Sonnenstrahlen, um eine Überhitzung zu vermeiden.

Ansonsten wird das Haus energetisch über eine Luft-Wasser-Wärmepumpe versorgt. Ausgeklügelt und stimmungsvoll ist die Lichtarchitektur, auch mit vertikalen LED-Lichtlinien, die die Grundbeleuchtung des Hauses darstellt. Auch der Spa-Gedanke kam im Haus nicht zu kurz: So wurde eine frei stehende schwarze Badewanne direkt vor den Glaselementen im Schlafzimmer positioniert, in der der Badende relaxen und entspannen kann.

Text | Jürgen Brandenburger
Fotografie | Vito Stallone

Architekt | L3P Architekten, www.l3p.ch
Projektverantwortung | Boris Egli
Bauingenieur | Bona + Fischer, www.bonafischer.ch, Urs Oberli
Landschaftsarchitekt | vetschpartner Landschaftsarchitekten www.vetschpartner.ch, Nils Lüpke
Lichtplaner | Lichtblick, www.lichtblick.ch
Bauphysiker | Wichser Akustik & Bauphysik, www.wichser.ch, Stephan Huber HLS-Planer | Bürge Haustechnik, buerge-haustechnik.ch Elektro | Feller Standard Klassiker, www.feller.ch Glaslieferant | Glas Trösch, www.glastroesch.ch Griesser, www.griesser.ch Fenstersystem | Ernst Schweizer, www.schweizer-metallbau.ch Waschtisch-Armatur | Gessi Goccia Duscharmatur | Vola, www.vola.de Küche | Armatur KWC, www.kwc.ch